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Chronik

Entstehung der Moorkolonie

Lockruf aus Dänemark

In den Jahren 1760 bis 1765 wurden die bis zu diesem Zeitpunkt dünn besiedelten Heide- und Moorregionen auf der schleswigschen Geest und im dänischen Jütland kolonialisiert. König Friedrich V. von Dänemark, der das Projekt unterstützte, war auch Landsherr von Schleswig-Holstein. In erster Linie sollten auf diesem Weg Steuerzahler ins Land gelockt werden, um das stehende Heer des absolutistischen Herrschers finanzieren zu können. Christiansholm ist eine der damals entstandenen Moorkolonien. Der Ort wurde 1761 erstmals besiedelt. Der dänische König hatte den Einwanderern zwar nicht mehr zu bieten, als andere Nationen, aber er regierte über ein friedliches Land. So zogen mehr als 4.000 Menschen aus dem vom Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) verheerten Süddeutschland in den Norden. Es schien ihnen nicht schwer zu fallen, dem Ruf und den Versprechen des dänischen Königs zu folgen. Doch die Kultivierung der Ödflächen gestalltete sich schwieriger als es sich manch einer vorgestellt haben mag. Statt einer Zukunft in Frieden und auf eigenem Land fanden die meisten Menschen aus dem wald- und weinreichen Süden nur „schwarzes Brot zu essen und Gottes Erdboden zu brennen". Das große Projekt endete in einem Desaster und musste 1765 eingestellt werden. Von den geplanten 4.000 Siedlerstellen blieben lediglich 600 übrig. Das Vorhaben der Agrarreform und die Besiedlung der Heide- und Moorflächen war damit gescheitert. Erst  weitere Agrarreformen, wie das Ende der Leibeigenschaft und der Übergang von der gemeinschaftlichen zur individuellen bäuerlichen Landwirtschaft durch die  Verkoppelung, verbesserte im 18. Jahrhundert die soziale und wirtschaftliche Situation der Menschen auf dem Lande nachhaltig.

Erneuter Anlauf im Jütland

Erste Versuche, Ödland zu kultivieren, gab es bereits in den Jahren 1723, 1751 und 1753. Mit dem Beginn der Heide- und Moorkolonisation im Jahr 1959 wagte Außenminister Johann Hartwig Ernst von Bernstorff (1712 bis 1772) einen vierten Anlauf. Unterstützt wurde er durch den Oberhofmarschall Adam von Moltke (1710 bis 1792). Den Anstoss zum erneuten Vorstoss gab der Kammeralist Johann Heinrich Gottlieb von Justi (1717 bis 1771) mit seinem „Gutachten wegen Anbauung der jütischen Heiden". Er empfand die unbebauten Ödlandflächen als ein Zeichen des schlechten Zustands der dänischen Landwirtschaft. Aber um das zu ändern, setzte er weder Vertrauen in die in der Erbfolge unberücksichtigten Bauernsöhne noch in heimische Tagelöhner. In Frankfurt am Main machte der dänische Gesandte Johan Frederik Moritz den Vorschlag, auf  Landwirte aus Südwestdeutschland zu setzen. Dort hatte der Siebenjährige Krieg viele Bewohner bedrängt. Viele waren willig, auszureisen.  Das gerade gegründete „Landwesenskollegium" in Kopenhagen erhielt den Auftrag, sich mit der Idee näher zu beschäftigen. Im dänischen Jütland sollte die Heidekolonisation beginnen. Der in Frankfurt weilende Gesandte Moritz bekam den Auftrag, Kolonisten aus der Pfalz, Baden, Württemberg und Hessen anzuwerben. Der dänische Staat versprach jeder Siedlerfamilie eine Erbpachtstelle mit Haus, Vieh, Ackergerät, 20 Jahre Steuerfreiheit, Tagegeld bis zur ersten ausreichenden Ernte und Reisegeld. Doch auch Johan Frederik Moritz sollte an dem Vorhaben gut mitverdienen. Für jeden, der in den Norden auswanderen wollte, kassierte er vier dänische Reichstaler. Auf ein umfangreiches Auswahlverfahren verzichtete der Gesandte. Jeder Auswanderer war ihm willkommen. Auch mit Schwachen und Menschen, die von Landwirtschaft nichts verstanden, gab er sich zufrieden.

Bevölkerung protestiert gegen die Siedler

Im Oktober 1759 trafen die ersten Familien im dänischen Viborg ein. Sie hatten eine beschwerliche, siebenwöchige Reise zurückgelegt. Trotzdem waren nach etwa einem Jahr bereits 1.000 Menschen in den Norden gelockt worden. Allerdings war für sie kaum etwas vorbereitet, so dass die Auswanderer in Notquartieren untergebracht wurden. Ärger und Probleme ließen nicht lange auf sich warten. Vor allem ungeklärte Rechte und Proteste der einheimischen Bevölkerung veranlassten die dänische Regierung, die noch zu erwartenden Siedler in die südlichen schleswigschen Regionen umzulenken. Im Herzogtum Schleswig waren Bauern und Amtmänner wenig erfreut. Zudem hielten sie die Ödlandflächen für nicht Kultivierbar. Aber in Kopenhagen zweifelten die Verantwortlichen an solchen Aussagen. Die Regierung schickte einen Gutachter. Der Arzt und Unternehmer Johann Gottfried Erichsen (1712 bis 1768) war bereits in Jütland für die Kolonisation verantwortlich gewesen. Er lieferte ein optimistisches Gutachten: In den dänischen Teilen der Herzogtümer hielt er sogar mehr als 4.600 Siedlerstellen für möglich. Zu der nach heutigem Wissen völlig utopischen Zahl war Erichsen unter zwei Vorgaben gekommen. Einmal nahm er an, fast jede brachliegende Heide oder Moorfläche sei kultivierbar. Zum anderen rechnete er für jede Siedlerstelle auf der Heide neun, für die in Moorgebieten zwölf Hektar. Damit folgte er der verbreiteten Ansicht, nur kleine Flächen würden die Bauern zwingen, intensiv zu wirtschaften.

Vorbereitung im Herzogtum Schleswig

Ab 1761 begann Johann Gottfried Erichsen, die Oberdeutschen in den Ämtern Gottorf und Flensburg anzusiedeln. Während der folgenden Jahre entstanden diverse Kolonien im Land. Im Herzogtum Schleswig wurden damals 47 Kolonistendörfer gegründet. Die größte war Friedrichsholm. Aber gerade in den Moorgebieten war es schwierig, diese für die Siedler vorzubereiten. Erichsen ließ bis zum Winter 1760 westlich von Hohn im heutigen Königsmoor sowie im Hapshoeper Moor durch 600 einheimische Tagelöhner ein 18 Kilometer umfassendes Netz von tiefen Kanälen anlegen. Er schaffte es, eine Fläche von mehr als 2.500 Hektar zu entwässern. Aber seine Pläne, mit Schiffen auf den Känälen zu schippern, musste er begraben weil das weiche Moor dies nicht zuließ. Doch für die Vorbereitungen wurde mehr Zeit benötigt. Deshalb wurden die Kolonisten bei Einheimischen einquartiert. Vereinzelt zogen die Siedler in Erdhütten, um auf den ihnen zugelosten Stellen mit der Bearbeitung des Bodens zu beginnen. Zu jedem Stück Land gehörte ein Haus und ein Garten, einem sogenannten Kohlhof. Jede Familie erhielt ein Ochsengespann, eine Kuh, zwei Schafe und Futter bis zur ersten Ernte. Außerdem gab es eine Egge, einen Spaten und eine Hacke sowie Saatgut. Zur Grundausstattung aller Heidestellen gehörte auch ein Pflug. Die Moorkolonisten bekamen ihn erst, wenn sie das Land mit der Hacke „ackerreif" gemacht hatten. Um genug Steine produzieren zu können, sind in Hüsby, Engbrück, Friedrichsholm und bei Hohn vier neue Ziegeleien entstanden. Beim Bau vieler Kolonistenhäuser ist so sehr gefuscht worden, dass einige bereits 1762 wieder zusammengebrochen waren.

Königliche Ortsnamen

Um die Treue zum dänischen König und seiner Familie auszudrücken, erhielten die ersten Kolonien entsprechende Namen. Entweder wurden sie nach dem König Friedrich V. (wie zum Beispiel Königshügel, Königsberge, Friedrichswiese), seiner Frau (Julianenebene), seiner Tochter (Sophienhamm) oder seinem Sohn (Christiansholm, Prinzenmoor) benannt. Den Namen der zuletzt entstandenen Kolonien ist anzumerken, dass der Stolz auf das Projekt geschwunden war. Sie heißen nüchtern Neubörm oder Westscheide.

Konfliktsituationen

Während der gesamten Kolonialisierung kam es immer wieder zu Spannungen. Zum einen mussten die Einheimischen überzeugt werden, das Ödland abzugeben. Zum anderen war es allerdings auch nicht einfach, die Einwände der Kolonisten auszuräumen.  Sie fühlten sich getäuscht, denn als die ersten angekommen waren mussten sie provisorisch in den umliegenden Orten untergebracht werden. Die Kolonistenstellen waren noch nicht fertig. In den Ämtern Gottorf, Flensburg und Tondern warteten im Oktober 1762 insgesamt 3.725 Personen auf rund 900 versprochene Stellen. Und als es endlich soweit war, dass die Parzellen zugelost wurden, gab es erneut Ärger.  Manche Kolonisten verweigerten die Annahme. Sie meinten, der Moorboden würde nichts taugen. Die Obrigkeit machte kurzen Prozess und verhängte Gefängnisstrafen gegen die Beschwerdeführenden. Zudem begann sie jetzt auch, Parzellen an Einheimische zu vergeben. Viele Oberdeutsche gaben darauf nach, um nicht ganz leer auszugehen. Trotzdem hörte die Unruhe unter den Kolonisten nicht auf. Geschürt wurde sie durch ständige Reibereien mit den Einheimischen. Deren Angst, die Siedler könnten ihnen Einnahmequellen nehmen, trieb sie zu allerlei Übergriffen. So wurden Torfstiche der Kolonisten zerstört, ihre frisch angelegten Gärten verwüstet, und es kam zu Schlägereien.

Kolonisten ergreifen die Flucht

Die Besiedelung der Moorgebiete war zum Scheitern verurteilt. Trotz alle Mühe konnten sich die Kolonistenfamilien auf ihren Höfen nicht ernähren. Zwar half im ersten Jahr die Asche der Brandrodung, um die notwendigen Nährstoffe in den Boden zu bringen. Jedoch fehlte im zweiten Jahr der Dünger und die Erträge sanken. Lediglich Buchweizen und Kartoffeln brachten noch geringfügig bessere Ernten. Viele Siedler verließen verzweifelt ihre Stellen. Um diese Flucht zu finanzieren, verkauften sie allen Verboten zum Trotz ihre Ausstattung oder nahmen sie mit. Weil sie alle König Friedrich V. hatten huldigen müssen und auch verpflichtet waren, auf ihrer Stelle zu bleiben, desertierten sie in den Augen der Obrigkeit. Die griff hart durch wie etwa in Prinzenmoor. Die Oberdeutschen versuchten, über Norderdithmarschen per Schiff die Herzogtümer zu verlassen. Sie wurden jedoch gefasst. Ein Teil musste beim Festungsbau in  Rendsburg harte Karrenstrafe auf sich nehmen, der Rest wurde auf neue Stellen gesetzt. Vor allem Flugblätter aus Preußen und Russland verleiteten die Kolonisten zur Flucht. Sie wurden abgeworben indem ihnen mehr und besseres versprochen wurde, als Dänemark ihnen geboten hatte. Die Regierung setzte verstärkt einheimische Bewerber auf die frei werdenden Stellen. Bereits im Jahr 1762 wurde jede weitere Anwerbung von Kolonisten gestoppt. Ein Jahr später begann die Obrigkeit, die Kolonisten zu prüfen und faule oder unfähige auszumustern. Obwohl die ausgemusterten Familien das Recht hatten, zu bleiben und dafür 20 dänische Reichstaler als Startkapital bekamen, verließen die meisten das Land. 1764 befanden sich in der holsteinischen Geest nur noch 654 oberdeutsche Familien mit 2.855 Personen.

Das Ende der Reform

Die verbliebenen Kolonisten schlugen sich mehr schlecht als recht durch. Zumindest für die Moorsiedler gab es mit dem Handel mit  Torf für den Hausbrand, Glasschmelzen (Prinzenmoor und Friedrichsholm) sowie der Ziegelei in Friedrichsholm die Chance für ein Zubrot. Nach dem abrupten Ende waren einige Kolonien zu Teilen der alten Gemeinden worden. Sie durften damit auch die Almende als Weide mitnutzen und erhielten im Zuge der Verkoppelung ihren eigenen Anteil daran. Damit entspannte sich dort das Düngerproblem. Gelöst wurde er erst, als im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts der Mineraldünger besser und preiswerter verfügbar wurde, von 1893 an Dampfpflüge auf großen Flächen den Ortstein aufbrachen und Preußen staatlich die Bodenverbesserung, die  Melioration, vorantrieb. Die Maßnahmen griffen erst um 1900 und brachten damit das bis dahin weitgehend brachliegende Kolonistenland langsam in Kultur. Nach den Landverlusten im Osten in Folge des Ersten Weltkriegs intensivierte die 1913 gegründete  Landgesellschaft die Ödlandkultivierung. Bis 1939 bewies sie, wie groß das Potenzial in Schleswig-Holstein war, wenn man moderne Technik nutzte. 6.600 neue Siederlerstellen mit 91.000 Hektar entstanden. Nach der Machtübernahme 1933 wurde die Ödlandkultivierung durch die Nationalsozialisten propagandistisch genutzt. Reichsarbeitsdienst und Arbeitslose sollten - mit übrigens meist vorindustriellen Methoden - neuen Lebensraum schaffen. Die Landwirtschaft auf den ehemaligen Heide- und Moorflächen der Geest blieb jedoch mühsam und arm. Erst mit der Flurbereinigung, einem flächendeckenden Windschutz für die erosionsanfälligen leichten Böden sowie der konsequenten Umstellung auf Weidewirtschaft seit 1953 im Rahmen des  Programms Nord bekam auch die Landwirtschaft auf der schleswigschen Geest für die nächsten Jahrzehnte eine tragfähige wirtschaftliche Grundlage.
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